Sandro Botticelli, Gerhard Altenbourg, Gerhard Kurt Müller und eine „Intrige im Goldsaal“

„Volos führen Volos“ zu Gast in Altenburg, 17.08.2018

Freitag, 17.08.2018: Ein weiterer strahlender Sommertag, in einer schier endlosen Folge strahlender Sommertage. Bestes Wetter also, um endlich wieder etwas Abwechslung in den schweißtreibenden Volontärsalltag zu bringen. Das ist diesmal in ganz besonderer Weise gelungen, schließlich führten gleich drei Volos ganze 16 (!) Kolleginnen und Kollegen durch ihre Altenburger Museen: Neuer AG-Rekord!

Die erste Station des Tages war das Lindenau-Museum – genauer gesagt dessen wunderbares Museums-Café, in welchem zeitgleich die Abgusssammlung untergebracht ist. Flankiert von Michelangelos David, dem Barberinischen Faun und dem Apoll von Belvedere stellte uns Dr. Roland Krischke – seit 2016 Leiter des Museums – die Neukonzeption des Hauses vor. Bis 2023 soll der imposante Neorenaissancebau von 1876 saniert und erweitert werden. Es steht dabei nicht nur der Bezug eines weiteren Gebäudes auf dem Plan, sondern auch die vollständige Neukonzeption der ständigen Ausstellung.

Ansicht-des-Lindenau-Museums
Ansicht des Lindenau Museums in Altenburg.

Letztgenannte stellte uns Jaqueline Glück im Rahmen ihrer Führung durch das Haus vor. Ausgangspunkt ist die Sammlung des Altenburger Wissenschaftlers, Politikers und natürlich leidenschaftlichen Kunstsammlers Bernhard August von Lindenau (1779–1854). Dieser machte sich in den Jahren 1831–1843 unter anderem bereits um die Dresdner Sammlungen verdient und legte dort durch gezielte Ankaufspolitik den geistigen Grundstein für die Entstehung der Galerie Neue Meister. Nachdem Lindenau in seine Heimatstadt zurückkehrte, rückte der Ausbau seiner eigenen Kunstsammlung in den Vordergrund. Der heutige Museumsbau geht zwar noch auf Lindenaus Anregungen zurück, wurde jedoch erst nach seinem Tod realisiert. Bauliche Parallelen zur Dresdner Sempergalerie sind dabei keinesfalls Einbildung, stammen die Entwürfe des Hauses doch von Julius Richard Enger, einem Schüler Gottfried Sempers, den Lindenau wiederum während seiner Dresdner Jahre an die dortige Akademie berief. Passenderweise begrüßt im ersten Oberlichtsaal auch eine verkleinerte Kopie der Sixtinischen Madonna die Besucher. Die Herzstücke der Lindenauschen Sammlung sind jedoch vor allem hochkarätige Exemplare früher italienischer Tafelmalerei, griechische und etruskische Keramiken, die Kunstbibliothek und natürlich die erwähnte Abgusssammlung. Weitere Highlights der ständigen Ausstellung sind die sogenannten Neuen Sammlungen, die zwar lange nach Lindenau aber in seinem Sinne angelegt wurden. Freunde der Malerei des 20. und 21. Jahrhunderts haben so zudem die Gelegenheit, auf Vertreter der Weimarer Malerschule, sowie äußerst qualitätvolle Bilder von Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt zu treffen. Abgesehen davon ist das Lindenau-Museum die Heimstätte der größten Sammlung von Werken Gerhard Altenbourgs (1926–1989).

Parallel dazu zeigt das Haus auch immer wieder Sonderschauen. Abschließend führte uns Laura Rosengarten durch die umfassende Retrospektive des Leipziger Malers (und Schülers), Bildhauers und Zeichners Gerhard Kurt Müller (geb. 1926), die noch bis zum 07.10.2018 zu erleben ist. Rückblickend haben dabei jene autobiografischen Drucke, die sich kritisch mit der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzen, einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Als letzte Station ließ uns Angelika Wodzicki noch einen ausschweifenden Blick in das Studio Bildende Kunst werfen. Wenngleich es in der aktuellen Form seit 1971 existiert, ist auch hier Bernhard von Lindenau Vater des Gedankens. Bereits 1848 ließ dieser in seinen ersten Museumsräumen kostenlosen Zeichenunterricht anbieten. Heutzutage werden kunsttheoretische Vermittlungsansätze in unterschiedlichsten Formaten mit nahezu allen künstlerischen Techniken verbunden. Zur aktuellen Sonderausstellung gibt es beispielsweise die Aktion „Freitag ist Drucktag“, bei der eine Führung durch die Ausstellung mit einem Praxiskurs Druckgrafik verbunden wird (Nähere Infos dazu bekommt Ihr unter: studio[at]lindenau-museum.de).

Studio Bildende Kunst
Angelika Wodzicki gewährt uns einen Einblick in das Studio Bildende Kunst.

Nach all dem visuellen und intellektuellen Input mussten auch unsere Mägen dringend versorgt werden, bevor es im Anschluss frisch gestärkt wenige Höhenmeter den Schlossberg hinauf ging. Im Residenzschloss wurden wir ebenfalls herzlich durch den Museumsleiter Uwe Strömsdörfer begrüßt und in künftige Umbaupläne eingeweiht: Auch hier liegt die Zielgerade im Jahr 2023. Dann soll im Prinzenpalais des Schlosses die sogenannte Spielewelt eröffnet werden. Auf etwa 900 Quadratmetern soll nicht nur die umfassende Geschichte des Spiels multimedial und partizipativ vermittelt werden, auch Open Labs für kreative Entwickler sind geplant.

Auf-dem-Weg-zum-Residenzschloss
Auf geht’s zum Residenzschloss auf dem Schlossberg.

Nach diesem spannenden Einblick führte uns Christian Landrock zunächst durch die Sonderausstellung „Intrige im Goldsaal“ (mit dem passenden Untertitel: „Eine Sammlung schlägt zurück!“). Ausgangspunkt hierfür war die Frage nach dem Umgang mit wachsenden Beständen im Verhältnis zu exponentiell schrumpfenden Ausstellungs- und Lagerflächen. Die Objekte definieren im Rahmen dieser Ausstellungsrevolte ihr eigenes Verständnis von Ordnung. Eine überaus ungewöhnliche und zugleich hervorragend gelungene Ausstellung, die trotz des inszenierten Chaos den Blick auf jedes einzelne Objekt fallen lässt und erfolgreich mit musealen Sehgewohnheiten bricht. Leider ist die Ausstellung nur noch bis zum 26.08.2018 zu erleben.

Fortgesetzt wurde unsere Führung mit einem weitläufigen Rundgang durch die ständige Ausstellung des Schloss- und Spielkartenmuseums mit der Rüstkammer-, Uhren- und Porzellansammlung sowie den ehemaligen Gemächern und Wohnräumen der Kurfürsten.

In-der-Kartenmacherwerkstatt
Kurze Stippvisite in die KartenMACHERwerkstatt.

In der Skatstadt Altenburg durfte natürlich ein Blick in die Wiege des ersten Spielkartenmuseums der Welt nicht fehlen. Neben den klassischen Spielkarten werden auch die Werkzeuge, Druckformen, Spielgeräte, Spielkartenpressen sowie Spieltische hervorragend in Szene gesetzt. Bei einer kleinen Stippvisite in die KartenMACHERwerkstatt wurden wir noch auf den Prozess der Spielkartenherstellung hingewiesen. Jeder Besucher kann hier – am geschichtsträchtigen Ort – nach Anmeldung seine eigenen Spielkarten drucken (Nähere Infos dazu bekommt Ihr unter: info[at]residenzschloss-altenburg.de).

Am Ende unseres Fortbildungstages ging die Sage um, es hätten noch einige Reserven gehabt, um den Hausmannsturm zu erklimmen und dabei einen Blick über Altenburg zu erhaschen. Die Autorinnen waren leider nicht mehr dazu in der Lage, haben sich dies jedoch fest für die nächste Fahrt nach Altenburg vorgenommen. Das ist auch unsere Empfehlung für alle Leser: Fahrt nach Altenburg! Schaut euch die Museen an!

Gruppenfoto
Das Gruppenfoto darf naütrlich nicht fehlen: *Cheese*.

Wir danken nochmals herzlich für die liebe Gastfreundschaft und die Ausdauer von Jaqueline Glück, Laura Rosengarten und Christian Landrock, für das zahlreiche Erscheinen und freuen uns auf die nächste Runde von „Volos führen Volos“.

Eure Sprecherinnen

Lina Frubrich (Leipzig), Evelyn Helbig (Chemnitz) und Martina Ullrich (Weimar)

 


 

(Alle Fotos von Lina Frubrich und Philipp Engert)

 

 

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